Theaterkritik „Der nackte Wahnsinn + X“: Eins plus eins ist mehr als zwei

v.l.: Yassin Trabelsi, Ursula Hobmair, Christian Rabending, Luise Aschenbrenner, Torsten Ranft, Viktor Tremmel, Eva Hüster, Philipp Lux, Nadja Stübiger, Foto: © Sebastian Hoppe
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Die Nerven liegen blank in Sebastian Hartmanns „Der nackte Wahnsinn + X“ im Schauspielhaus Dresden. Das ist vor allem deshalb unterhaltsam, weil der Humor zündet und der Epilog ans Herz geht.

Eine Generalprobe für eine fiktive Boulevardkomödie steht an. Theaterleute kennen diesen Moment der Anspannung und Nervosität, der einer absoluten Ausnahmesituation gleichkommt. Dass das Chaos auf der Bühne nicht geordnet daherkommt, sondern im Gegenteil in alle Richtungen erodiert, war also zu vermuten. Dass sich das bunte Treiben in Sebastian Hartmanns Adaption von Michael Frayns Farce „Der nackte Wahnsinn“ aber als derart unterhaltsames Meta- Theater herausstellt, konnte man nicht erwarten. Das Aufeinanderprallen der Neurosen der stilisierten, manchmal fast schon karikierten Theatertypen ist herrlich mitanzusehen. Besonders gelungen ist dabei der Einsatz des Humors. Ob – wohl die Pointen keine langen Anlaufphasen brauchen und auch mal aus dem Nichts kommen, schmunzelt man zwar eher, als dass man sich auf die Schenkel klopft. Dafür bleibt das Grinsen nachhaltiger im Gesicht kleben. Sogar der an Dresdner Bühnen offenbar unvermeidliche Gebrauch von Dialekt kommt mal nicht anbiedernd ans Publikum, sondern angemessen doppelbödig rüber.

Stimmiges Gesamtbild

Die Kulisse ist angenehm spartanisch und wird meist von den riesigen Videoprojektionen an der Bühnenrückwand dominiert, die das Geschehen hinter der Bühne illustrieren sollen, mitunter aber etwas willkürlich wirken. Der Soundtrack steigert sich in besonders chaotischen Ensemble-Momenten zu einem von moderner elektronischer Musik dominierten Höhepunkt, der angesichts der überwiegenden Leichtigkeit vielleicht manchmal zu dramatisch wirkt, aber zumindest atmosphärisch überzeugt. Samuel Wiese sitzt für die Musik mitsamt seinen Controllern direkt im Publikum und steht an einigen Stellen sogar auf, um die Szenen mit Live-Gesang zu veredeln. Spielfreude kann man auch den Darstellern auf der Bühne nicht absprechen. Durch die Bank weg sieht man überzeugende, gut gelaunt vorgetragene Leistungen, weshalb es sich verbietet, eine Person herauszustellen.

Melancholischer Höhepunkt zum Schluss

Zum unerwarteten Höhepunkt der Vorstellung gerät dann aber das „+ X“ im Titel, ein extralanger Epilog, der quasi als Appen – dix an das Stück hintenangestellt wurde und der mit Michael Frayns Komödie eigentlich nichts zu tun hat. Cordelia Wege hält dafür einen Monolog, der sie einmal durchs Theater führt, während ihr nur eine Kamera folgt und das Publikum mit der leeren Bühne allein gelasseimmstn wird. Im Laufe dieser imposanten Gedächtnisleistung durchlebt die Schauspielerin gleich ein ganzes Bündel an Gefühlen, wenn auch thematisch und tonal im Gegensatz zur Farce von 1982 in weitaus düsteren Gefilden. Dass dieser melancholische Ausklang der Komik aus „Der nackte Wahnsinn“ bewusst gegenübergestellt wird, war eine gute Entscheidung. Denn das Experiment funktioniert. Die emotionale Tiefe überträgt sich unbedingt auch auf die Zuschauer, zieht sie regelrecht in den Vortrag der simpel als X bezeichneten Figur hinein. Addiert man die beiden Summanden dieses Theaterabends also, erhält man durchaus mehr als die zu er – wartende Summe. Was zu beweisen war.

Der nackte Wahnsinn + X

nächste Vorstellungen: 23. Oktober, 14. und 24. November 2020
Schauspielhaus Dresden

www.staatsschauspiel-dresden.de

Text: Philipp Demankowski

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