Filmrezension „Lamb”: Karge Schönheit

© Koch Films
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Im Mystery-Drama Lamb des isländischen Filmemachers Valdimar Johannsson ist vor allem die Landschaft der Star.

Es ist ein einsames Leben, das Maria (Noomi Rapace) und Ingvar (Hilmir Snær Guðnason) in einem abgeschiedenen Teil Islands auf ihrer Farm führen. Sie leben vom Kartoffel­anbau und von der Schafszucht, schauen fern, essen, lesen. Überhaupt wird wenig gesprochen, aber viel gelesen in „Lamb“. Neben dem Hütehund spielt ansonsten nur Ingvars Bruder Pétur (Björn Hlynur Haraldsson) eine Rolle, der ab und an vorbeikommt, um den in ruhigen Bahnen verlaufenden Alltag des Paares dann aber schon gehörig durcheinander zu bringen. Die Handlung wirklich in Gang bringt aber ein Ereignis während der Lammzeit. Als die Schafe ihre Lämmer bekommen, erblickt auch ein ganz besonderes Exemplar das Licht der Welt. Fortan entspinnt sich ein Kammerspiel, dessen Grenzen nicht von den Wänden eines Hauses, sondern von den beeindruckenden Fels­formationen gebildet werden, die die Kulisse des Films bilden. Ob satte Wiesen, vernebelte Moore oder körnige Steinwüsten: Als Zuschauer kann man sich gar nicht sattsehen an den isländischen Landschaften, die Regisseur Valdimar Johannsson in seinem Debütfilm gekonnt in Szene setzt.

Isolation und Bedrohlichkeit

Hinter „Lamb“ steht die üblicherweise äußerst geschmacks-sichere Produktionsschmiede A24, die schon so manchem klein­skalierten Indie-Film zu mehr Aufmerksamkeit verholfen hat. Da wundert es nicht, dass beim letzten Cannes-Film­festival in der Sektion „Un Certain Regard“ der Preis für den originellsten Beitrag raussprang, auch wenn gerade die Preisbezeichnung vielleicht etwas zu weit geht. Und auch als offizieller Oscar-Beitrag Islands wird der Film eingereicht. Die interessante Prä­misse, die einerseits mit Elementen des magischen Realismus und andererseits mit einem starken Bezug zum sogenannten Folk Horror-Genre spielt, wird im Laufe des Films allerdings nicht in eine durchweg spannende Handlung übersetzt. Stark ist „Lamb“ immer dann, wenn die Atmosphäre von Isolation und Bedrohlichkeit wirken kann, wobei auch der Soundtrack einen stimmigen Beitrag zum Gelingen beisteuert. Der reinen Handlung hätten aber noch einige Wendungen gutgetan, so dass die Immersion beim Zuschauer ein Stück weit auf der Strecke bleibt.

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Unnahbare Figuren

Das liegt aber auch daran, dass Maria und Ingvar verhältnismäßig fremd bleiben. Es gibt ein Ereignis in der Vergangen­heit, das bis in die Gegenwart klar nachwirkt, das aber nie konkret aufgeklärt wird. Und so müssen die Zuschauer die Apathie, mit der die beiden ihre Aufgaben bewältigen, eben als gegeben abnicken. Die Schwedin Noomi Rapace, die einst auf Island lebte und für den Film die Sprache ihrer Kindheit wiederentdeckte, spielt Maria routiniert introvertiert, während Hilmir Snær Guðnason relativ blass bleibt und stoisch die Ereignisse hinnimmt. Natürlich ist der Film am besten zu goutieren, wenn im Vorfeld so viel wie möglich unausgesprochen bleibt, doch es ist vielleicht nicht verkehrt zu wissen, dass das sich gemächlich aufbauende Bedrohungsszenario irgendwann tatsächlich in einer Eruption entlädt. Man wird also spät belohnt, sollte sich aber darauf einstellen, dass man auf dem Weg dahin vor allem durch die Atmosphäre bei der Stange bleibt.

Lamb
Regie: Valdimar Johannsson,
Filmstart derzeit unklar

Redaktion: Philipp Demankowski

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