Tischlerei Loschke: Von der Werkstatt bis auf die Weltmeere

Im Gespräch mit Tobias und Ines Loschke
Vor rund 95 Jahren begann die Geschichte der Tischlerei Loschke mit zwei Maschinen, viel Eigeninitiative und Möbeln für den täglichen Bedarf. Heute entstehen hier individuelle Innenausbauten für Unternehmen und Privatkunden, Sonderkonstruktionen und sogar Einrichtungen für Kreuzfahrtschiffe. Im Gespräch erzählen Tobias und Ines Loschke, warum sich dabei eines über Generationen nicht verändert hat: die Bereitschaft, für ungewöhnliche Aufgaben eine Lösung zu finden.
Top: Herr Loschke, Ihr Großvater hat die Tischlerei vor rund 95 Jahren gegründet. Wie hat damals alles angefangen?
Tobias Loschke: Mein Großvater war gelernter Tischler und begann Anfang der 1930er Jahre mit zwei Maschinen in einer Scheune. Möbelhäuser gab es auf dem Land kaum, also hat er das gebaut, was die Menschen brauchten. Für die Akquise war er ziemlich kreativ, indem er in der Wochenzeitung schaute, wer heiratete. Dann ging er zu den Brautpaaren und bot ihnen Möbel an. So kam Auftrag für Auftrag.
Top: Heute ist Ihr Leistungsspektrum deutlich größer. Was ist der Kern der Tischlerei Loschke?
Ines Loschke: Wir fertigen keine Serienmöbel, sondern Einzelstücke. Unser Schwerpunkt liegt klar bei Gewerbekunden, das heißt bei Büro-, Laden- oder Objekteinrichtungen, aber auch bei sehr speziellen Lösungen wie zum Beispiel geschwungenen Theken. Außerdem sind wir an Produktentwicklungen beteiligt, bei denen wir eng mit Bauunternehmen und Architekten zusammenarbeiten. Privatkunden kommen zu uns beispielsweise für individuelle Küchen, Schlafzimmer oder Ankleiden. Im Grunde geht es immer um Sonderanfertigungen und darum, Räume wirklich auszunutzen. Ein Beispiel sind eigens entwickelte Formen für geschwungene Betonelemente eines Bauprojekts in München. Oder manchmal entfallen in so manchem Neu- oder Umbauprojekt ganze Wände, welche durch raumhohe schlichte, befüllbare Möbelwände ersetzt werden. Solche Aufträge entstehen oft im Austausch mit anderen Gewerken und verlangen Lösungen, die es nicht von der Stange gibt.
Tobias Loschke: Rund 90 Prozent unseres Marktes liegen inzwischen in Sachsen. Unser Motto ist: Wenn ein Kunde ein Problem hat, dann müssen wir es lösen, und zwar so, dass es für ihn bestmöglich funktioniert.

Top: Wie außergewöhnlich solche Aufgaben werden können, zeigen Ihre Projekte für Kreuzfahrtschiffe.
Tobias Loschke: Dazu sind wir über Kontakte gekommen, die seit vielen Jahren bestehen. Für ein Tochterunternehmen der Meyer Werft fertigen wir besondere Innenausbauten. Wir haben z.B. mehrfach eine Suite in einem Schornstein ausgestattet und Möbel für Disney-Schiffe geliefert, darunter für die Mary-Poppins-Suite. Auch Ladenstraßen und Bars waren schon dabei. Das sind genau die besonderen Projekte, bei denen unsere Flexibilität gefragt ist.
Top: Sie arbeiten handwerklich, haben aber gleichzeitig stark in moderne Fertigung investiert. Wie passt das zusammen?
Tobias Loschke: Fortschritt und handwerkliche Qualität miteinander zu verbinden, ist für uns sehr wichtig. 2017 haben wir rund 3,5 Millionen Euro in Gebäude und Technik investiert, um wettbewerbs- und zukunftsfähig zu bleiben. Unser Anspruch war dabei, Qualität und Fertigungskapazität eines Industriebetriebs mit individueller handwerklicher Arbeit zu verbinden. Wir nutzen unter anderem automatisierte Technik und Roboterarme. Dadurch können wir sehr präzise fertigen und gleichzeitig auch runde, gebogene oder völlig individuelle Lösungen umsetzen.

Top: Spielt inzwischen auch Künstliche Intelligenz eine Rolle?
Tobias Loschke: Tatsächlich ja. Wir zeichnen unsere Entwürfe in 3D und nutzen KI inzwischen beispielsweise, um Ideen fotorealistischer darzustellen. Das hätten wir vor einigen Jahren selbst nicht gedacht, aber es vereinfacht manches. Gleichzeitig arbeiten wir mit Innenarchitekturbüros aus der Region zusammen. Technik ersetzt bei uns nicht die Kreativität, sie hilft uns dabei, Ideen besser umzusetzen und für den Kunden sichtbar zu machen.
Top: Ihre Anpassungsfähigkeit zieht sich durch die gesamte Firmengeschichte. Ist sie ein Teil Ihres Erfolgs?
Tobias Loschke: Auf jeden Fall. Gerade zu DDR-Zeiten musste mein Vater sehr kreativ sein und immer wieder flexibel auf Umstände wie die vorherrschende Materialknappheit reagieren. Nach der Wende waren wir fünf Mitarbeiter und mussten uns zunächst neue Märkte erschließen. Damals waren Bankeinrichtungen ein großes Thema, daraus entstanden neue Kontakte und später wiederum andere Geschäftsfelder. 2005 habe ich den Betrieb übernommen. Heute arbeiten wir mit rund 30 Mitarbeitern. Wenn in einem Bereich eine Tür zugeht, muss man schauen, wo sich eine andere öffnet. Wir wollen nicht von einer einzigen Nische abhängig sein. Diese Vielseitigkeit und Anpassungsfähigkeit gehören zu unseren größten Stärken.
Top: Was beobachten Sie aktuell bei Gestaltung und Materialien?
Tobias Loschke: Gefragt ist der Kontrast zwischen schlichten, funktionalen Flächen und einzelnen Elementen, die haptisch und optisch herausstechen. 3D-Strukturen und organische Formen spielen dabei eine größere Rolle. Darüber hinaus sind dunkle Materialien und matte Oberflächen bei unseren Kunden gerade sehr beliebt.
Top: Wo soll die Tischlerei Loschke in den kommenden Jahren hin?
Tobias Loschke: Seit 1990 sind wir von fünf auf rund 30 Mitarbeiter gewachsen. Wenn sich das in einem gesunden Maß weiterentwickelt, ist das gut. Wichtig ist, dass wir beweglich bleiben, neue Märkte erkennen und uns immer wieder fragen: Was braucht der Kunde und wie können wir es möglich machen?
Ines Loschke: Zwei unserer Kinder arbeiten bereits im Betrieb. Kevin Loschke ist gelernter Tischler mit Bachelor-Studium im Innenausbau. Er arbeitet seit 2018 in der Projektabwicklung und Bearbeitung mit, unser Sohn Nick Loschke als Tischler und Industriemechaniker in der Fertigung vorrangig an CNC-Tischlermaschinen. Die vielleicht fünfte Generation Tischler ist schon geboren und vielleicht lässt es sich der eine oder der andere von unseren sieben Enkelsöhnen nicht nehmen, in die Fußstapfen seiner Vorfahren zu treten. Das würde uns als Familienmenschen sehr freuen und stolz machen!
Interview: Katrin Schindler

