Filmkritik „Under The Silver Lake“: Schnitzeljagd durch Hollywood

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Under The Silver Lake ist ein großartiger Los Angeles-Film und dabei gleichzeitig Lobpreisung wie Abgesang an die Popkultur.

Piraten, Comics, Nintendo-Videospiele, Jahrhundert-Pop-Songs, schöne Menschen. Die Liste ließe sich fortführen. Al­les mehr oder weniger wichtige Elemente von „Under The Silver Lake“, dem Drittwerk von David Robert Mitchell, der dem Horrorfilm „It Follows“, der inzwischen durchaus als un­übliches Genre-Standardwerk durchgeht, einen Noir-Mystery-Thriller folgen lässt. Schauplatz ist Los Angeles, besser noch die Gegend um den Griffith Park gleich neben Hollywood. Durch die Stadt huscht Sam (Andrew Garfield), ein antriebsloser Nicht-Berufstätiger. Nachdem die mysteriöse Neu-Nach­barin Sarah (Riley Keough), die er eine Nacht zuvor kennen gelernt hat, plötzlich verschwindet, wird Sam zum Amateur­de­tek­tiv. Dabei folgt er verschiedenen Brotkrumen ganz unterschiedlicher Gestalt. Auf der Schnitzeljagd durch LA begegnet Sam nicht nur recht sonderbaren Gestalten, sondern auch etlichen Rätseln, die der Film letztlich nicht ganz auflösen will.

Andrew Garfield / Foto: ©A24

Große Referenzen

Die großen Regie-Vorbilder sind bei David Robert Mitchell zwar stets zu erkennen, aber nicht so intensiv, dass man einen reinen Abklatsch diagnostizieren müsste. Die skurrilen Fi­guren, das LA-Mysterium und die scheinbare Absage an Logik erinnern mehr als einmal an David Lynch, den letzten großen Surrealisten unter den Regisseuren. Dabei orientiert sich Mitchell naturgemäß insbesondere an „Mullholland Drive“, dessen großen LA-Entwurfs. Die andere große Referenz ist Alfred Hitchcock. Weniger wegen seiner stilprägender Sus­pen­se als wegen der Stilisierung klassischer Hollywood-Mus­ter. Sarah, die Blondine, die Sam um den Verstand bringt, wirkt wie aus einem Hitchcock-Film entstiegen. Später kommt dessen Grabstätte sogar noch ins Bild. Hinzu kommt ein ganzer Strauß klassischer Hollywood-Musik, der das Geschehen auf Lein­wand und Monitor wunderbar untermalt. Das wirkt fast, als hätte es nie Musik aus dem Computer gegeben und als wäre die Zeit der großen Filmorchester nie zu Ende gegangen.

Popkultur mit Sogwirkung

Was David Robert Mitchell wie kein Zweiter kann, ist die Inszenierung schöner Menschen. Die Figuren, die Sam über den Weg stolpern, faszinieren einerseits, desillusionieren andererseits. Allein schon dadurch, dass sie wie Prototypen bestimmter Popkultur-Charaktere daherkommen. Es sind Figuren, die wissen, dass Hedonismus als einziger Ausweg vor der Sinnleere des Lebens letztlich auch nicht funktioniert, aber es wäre schließlich auch falsch, wenn man es nicht versucht hätte. Popkultur ist zwar vergänglich und taugt nicht unbedingt als große kulturelle Errungenschaft. Doch ihrer Sog­wirkung kann sicher keiner entziehen. Das grundlegende Mysterium des Films wird am Ende zwar geklärt, doch letztendlich ist der Trip dorthin wesentlicher für den Spaß des Zuschauers. Und die Freude beim Schauen geht auch bei fast 140 Minuten Filmlänge nie verloren.                                       

Under The Silver Lake

Regisseur: David Robert Mitchell

Kinostart: 6. Dezember 2018

Text: Philipp Demankowski

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