Dr. rer. nat. Frank Pietzcker: Fit durch die Krise!

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,,Ringt man sich zu einer positiven Einstellung durch, so wird das nicht alle Probleme lösen, doch kann man damit so viele Leute ärgern, dass es auf jeden Fall der Mühe wert ist.”

Um sich rundherum wohlzufühlen, müssen viele Ebenen miteinander harmonieren. Körper, Geist und Seele sollen im Einklang sein, sagt die Ganzheitsmedizin. Was so einfach klingt, ist alles andere als das. Es setzt Achtsamkeit und Verantwortung für sein eigenes Wohl und das der anderen voraus. Täglich müssen wir uns hinterfragen und nachjustieren, um in Balance zu bleiben oder einen neuen Kurs einschlagen, um wieder in Balance zu kommen. Wenn die körperlichen Bedürfnisse nach Nahrung, Sexualität und Sicherheit gestillt sind, kommt die Psyche ins Spiel. Viele Krankheitsbilder entstehen nachweislich psychosomatisch. Gerät also die Seele in Not, kann es ums pure Überleben gehen! Was kann man tun, um seelisch gesund zu bleiben, wenn die Welt scheinbar aus den Fugen gerät? Wir sprachen mit Diplom-Psychologen und Alexanderlehrer Dr. rer. nat. Frank Pietzcker über Informationskonsum, positive Glaubens­sätze, resilienzförderndes Verhalten und wie man in Kontakt mit sich selbst und den eigenen Ressourcen bleibt.

Du bist, was Du denkst, lautet ein Sprichwort. Wie wichtig ist es für einen selbst und andere, zuversichtlich zu bleiben?
Dem Aphorismus kann man im Prinzip zustimmen, wenn es nicht um die Frage ,,Wer bin ich?” geht, sondern vielmehr darum, wie man gut lebt. Denn ich allein bin dafür verantwortlich, was ich denke, was ich tue und was ich lasse. Hypnose­therapeuten sagen, wohin man die Auf­merk­samkeit richtet, da geht die Lebens­energie hin. Wenn ich mich also zu stark auf den Problembereich des Lebens fokussiere, dann erlebe ich auch eine sehr problematische Lebensrealität. Wenn ich mich auf etwas Schönes und Sinnhaftes fokussiere, dann erlebe ich auch etwas Positives. Das Schwierige daran ist, dass es glaubhaft sein muss, vor allem für uns selbst.

Gibt es ein Konzept zur ,,Gedankenhygiene”?
Der große Verhaltensforscher und Depressionstherapeut Aaron T. Beck hat festgestellt, dass bei Depressiven die Welt negativ verzerrt wahrgenommen wird. Ich sollte nicht nur darauf achten, welche Gedanken ich entwickle und konsumiere, sondern wohin diese Gedanken mich führen. Wenn ich den ganzen Tag Weltuntergangs­nachrichten konsumiere, dann lebe ich in einer Welt, die extrem bedrohlich für mich wird.

Wieviel Informationskonsum ist für unsere Psyche zumutbar?
Das hängt von der Konstitution ab. Rettungssanitäter oder Notärzte können ihren Job über Jahr­z­ehnte ausüben, ohne einen Schaden davonzutragen, und andere würden keine Woche durchhalten. Evolu­tionsbiologisch betrachtet, kommen unsere Vorfah­ren aus einer informationsarmen, tendenziell langweiligen Um­gebung. Man war darauf geprägt, jede Abweichung vom Alltäglichen wahr­zunehmen. Wir kommen aus einer Welt, in der es ungünstig gewesen wäre, etwas zu übersehen. Die Neugierde ist also eine der größten Motivationen des Menschen. Heute ist unser Problem nicht ein Zuwenig, sondern ein Zuviel an Informa­tionen – ein kulturelles Dilemma! Wir müssen uns genau überlegen, wieviel Informationen wir uns antun möchten. Wenn wir wollen, können wir uns ununterbrochen mit News fluten.

Dann liegt es also in der Verantwortung jedes Einzelnen, zu hinterfragen, welche und wieviel Informationen er konsumiert?
Genau, aber historisch gesehen ist es eine völlig neue Situation für uns. Im Zeitalter der Printmedien hat man die Zeitung einfach ausgelesen und weggelegt. Heute leben wir im Zeitalter des Internets, in dem permanent Neuigkeiten weltweit produziert und konsumiert werden. Wir müssen unseren Informations­konsum also ganz bewusst steuern. Das ist eine echte Heraus­forderung, der wir eigentlich gar nicht gewachsen sind.

Könnte es dann eine Strategie sein, bestimmte Informationen einfach zu vermeiden?
Nicht zu vermeiden, aber zu dosieren! Man kann den Konsum entweder zeitlich beschränken, indem man z.B. nur eine Stunde am Tag Nachrichten liest. Oder man beschränkt die Quellen, indem man sich auf jeweils eine regionale und eine überregionale Zeitung konzentriert.

Sind Leute, die sich einer permanenten Informationsflut aussetzen, anfälliger für psychische Krankheiten?
Diese Leute organisieren sich in erster Linie durch Extrem­konsum ein großes Stresserleben. Es geht eher um die Konse­quenzen. Unan­genehme Informationen nicht zu haben, hatte in der Ver­gangenheit schlimmere Konsequenzen, als eine gute Informa­tion zu übersehen. Unsere Vorfahren sind die Ängst­lichen. Die Super­optimis­ten haben sich offenbar nicht so stark reproduziert. (lacht) Wenn ich sehr viel News konsumiere, erzeuge ich einen inneren Stresszu­stand. Die Menschen reagieren sehr unter­schiedlich auf Stress. Den einen aktiviert Stress zu Höchst­leistungen, die anderen reagieren mit gesundheitlichen Sympto­men, entweder kardiologisch, gastroenterologisch oder eben psychisch. Wir müssen uns bewusst darüber sein, dass Nach­richten, die von Problemen berichten, stressauslösende Momen­te sind. Akuter Stress ist ein Aktivator, chronischer Stress macht uns krank. Wenn ich also Informations­missbrauch betreibe und mich im permanenten Stress befinde, werde ich auf lange Sicht gesehen irgendwann krank.

Diplom-Psychologe Dr. rer. nat. Frank Pietzcker / Foto: Franziska Pilz

Das setzt also eine ganz bewusste Lebensweise voraus und ein ständiges Hinterfragen nach dem, was einem gut tut und was nicht?
Wichtig sind vor allem die Fragen: Was tut mir gut und passiert genug in meinem Leben, was mir gut tut? Wir leben in einer Zeit, die so viele Möglichkeiten bietet. Die große Anforderung besteht darin, einen gesunden Weg zu finden. Wir haben uns eine Kultur gebaut, die uns vor die Freiheit, aber auch vor die Heraus­forde­rung stellt, mit den Dingen so umzugehen, dass sie uns gut tun. Man kann z.B. ganz bewusst aus Whatsapp-Gruppen austreten, wenn sie nachweislich Stress auslösen. Das setzt allerdings auch das Vertrauen voraus, dass man eben nicht jedes Detail wissen kann und muss.

Wir haben gelernt, dass nur durch ständige Wiederholung die Information im Langzeitgedächtnis bleibt. Wenn man permanent konsumiert, was bleibt überhaupt von den Informationen übrig?
Die Neuropsychologen beschreiben das so schön: Unser Gehirn ist nicht dafür gemacht, sich 1000 Einzelereignisse zu merken. Unser Gehirn ist wie eine Maschine, die innerhalb einer ständig variierenden Umwelt nach den Konstanten sucht, und so scannen wir auch Infor­mationen.

Wir verallgemeinern, um uns im Chaos der Informationen zurechtzufinden?
Genau, man spricht von Strukturbildung. Unser Gehirn ist dafür gemacht, Struktur zu bilden und nicht Einzelereignisse abzubilden – es sei denn, sie sind emotional bedeutsam. Medien versuchen genau das zu bedienen, in dem sie der jeweiligen Informa­tion eine ihr nicht zustehende Bedeutsamkeit geben. Im Grunde entspricht das der Natur des Menschen, und ich muss als Konsu­ment ein gewisses Bewusstsein dafür entwickeln.

Kann die Angst vor einer möglichen Gefahr nicht manchmal gefähr­licher als die Realität selbst sein?
Das Gesetz der selbsterfüllenden Prophezeiung besagt, dass ich mein Verhalten unbewusst an eine Situation anpasse und damit ihren Ausgang verändere. Wenn ein Lehrer einen Schüler für be­gabt hält, fordert und fördert er ihn mehr als andere. Am Ende tritt genau das ein, was er mit seinem Verhal­ten provoziert hat: Der Schüler ist besser als alle anderen in seiner Klasse.

Es ist also sehr wichtig, dass wir von Menschen umgeben sind, die an uns glauben, damit wir selbst positiv bleiben?
Da sind wir mittendrin in der Resilienz. Dieses Gefühl der Sinn­haftigkeit entsteht, wenn die Menschen in meiner Umgebung an mich glauben und mir das Gefühl von Zugehörigkeit und Kom­pe­tenz geben. Deshalb ist es so wichtig, dass Eltern und Lehrer dieses Gefühl vermitteln. Wenn Kinder in einem positiv geprägten Um­feld groß werden, blühen sie total auf und wachsen nachweislich sogar über ihre eigenen Fähig­keiten hinaus!

Wie kann man im Kontakt mit sich selbst und den eigenen Ressou­rcen bleiben?
In Bildungsprozessen sind die Rückmeldungen eher auf Defizite konzentriert. Dadurch erkennen die meisten Menschen leider nicht, welche Fähig­keiten sie wirklich haben oder wer sie unterstützen könnte. Das Fokussieren auf seine Ressourcen kann man allerdings trainieren, indem man sich bewusst auf die S­uche danach begibt. Schwierig wird es, wenn Men­schen überhaupt keinen Zugang zu materiellen oder mentalen Ressourcen finden, um mit ihrem Problem umzugehen. Ich muss verstehen können, was mit mir geschieht und den Eindruck haben, dass ich in der Lage bin, damit umzugehen. Erst dann erlebe ich ein Gefühl von Stimmigkeit und Zugehörigkeit.

Wie unterscheidet man, welches Feedback aus der Umwelt sinnvoll ist und welches nicht?
Hilfreiches Feedback informiert mich darüber, was in meinem Leben, Verhalten schon gut ist, darüber wo es Probleme gibt und idealerweise erhalte ich Hinweise was ich wie besser machen kann. In der Wirtschaft hat sich das Ziel einer fehlerfreundlichen Unter­nehmenskultur durchgesetzt, weil man erkannt hat, dass eine bloße Fehlerrückmeldung stark demotivierend ist. Jede Tätigkeit wird besser verrichtet, wenn die Leute engagiert sind. Und das bedarf auch einer positive Rückmeldung.

Was können wir tun, wenn wir trotz achtsamen Umgangs mit uns selbst aus der Balance geraten sind?
Ich kann darauf achten, wo meine Stärken liegen und wo meine per­sönliche Kraftquelle ist. Ich begebe mich auf Ressourcen- suche. Genau das wird auch in lösungsorientierten Therapien herausgefunden. Natürlich brauchen wir auch die Anerkennung von außen.

Ist das nicht die Folge daraus, wenn man im Kontakt mit sich bleibt?
Ja, aber man kann sich auch aktiv auf die Suche nach Aner­kennung begeben und Situationen zielgerichtet aufsuchen. Viele Menschen bleiben allerdings aus Gewohnheit in Um­ständen, die ihnen nicht gut tun. In dem Fall hat man den Kontakt zu den eigenen Ressourcen wahrscheinlich verloren. Gewohnheit vermittelt ein Gefühl von Sicherheit, Neues vermittelt Unsicherheit. Deshalb sucht man z.B. in der Beratung zuerst nach bekannten Situationen, die ein Wohlgefühl und Sicherheit zugleich vermitteln.

Ist es sinnvoll, eigene positive Glaubenssätze zu entwickeln, um optimis­tisch zu bleiben?
Auf jeden Fall! Die Menschen begrenzen sich selbst mit negativen Glaubenssätzen. Das ist angelernt und extrem kontraproduktiv. Man kann eine Sensibilität für positive und negative Glau­bens­sätze entwickeln. Wenn man einen negativen Glau­bens­­satz entdeckt, kann man diesen ganz bewusst umformulieren. Man kann beispielsweise sagen: ,Ich kann das nicht.’ oder ,Ich kann das noch nicht.‘ Das lässt den Ausgang offen, denn die fehlende Fähigkeit ist häufig erlernbar. Es liegt nur an einem selbst, ob und wann man das tut. Selbststärkende Glau­bens­sätze sind die kraftvollsten Ressourcen, die wir haben!

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Dr. rer. nat. Frank Pietzcker, Diplom-Psychologe
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Interview: Sabine Dittrich

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