Auf einen Kaffee mit Mr. Dixieland

Joachim Schlese ist seit 50 Jahren mit dem Dixieland-Festival Dresden verbunden. Auch darüber hinaus hat er in der Stadt große Spuren hinterlassen. / Foto: © Hendrik Meyer
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Im Gespräch mit Jochachim Schlese

Vom 17. bis 24. Mai steht das Internationale Dixieland-Festival in diesem Jahr auf dem Programm. Zum sage und schreibe 50. Mal versammeln sich die Freunde des Oldtime-Jazz‘ an verschiedenen Spiel­stätten der Stadt. Was geplant ist, warum das Festival so beliebt ist und wie es sich entwickelt hat, erklärt uns der langjährige Festivalleiter Joachim Schlese im großen Interview.

Wenn eine Persönlichkeit mit dem Dresdner Dixieland-Festival assoziiert werden kann, dann ist es Joachim Schlese. Die allerersten Schritte des etablierten Musik­festivals verliefen ungewöhnlich. Erich Knebel, damals Musikredakteur des Deutschlandsenders (später Stimme der DDR) kam 1970 mit der Idee eine Jazz-Veranstaltung zu etablieren, in den neu erbauten Kulturpalast. Schon beim ersten Zu­sam­mentreffen mit dem damaligen Regisseur Joachim Schlese ergaben sich gute Bedingungen für einen gemeinsamen Weg in ein Festival-neuland. Nun fehlte nur noch ein fachkundiger Moderator, gefunden in Karlheinz Drechsel. Das Team ging das Wagnis ein, im großen Festsaal mit 2.400 Plätzen ein Konzert mit sechs Gruppen aus vier sozialistischen Ländern zu veranstalten. Dies war die historische Geburtsstunde des aus heutiger Sicht einma­ligen Internationalen Dixieland Festivals. Nun steht der 50. Jahrgang an und Joachim Schlese ist der am längsten amtierende Leiter eines Musikfestivals in Europa.

Dabei hat der geborene Dresdner auch an anderen Stellen nachhaltige Spuren in seiner Heimstadt hinterlassen, gewürdigt durch die Auszeichnung mit der Ehrenmedaille der Landes­hauptstadt Dresden. Lange Jahre war Joachim Schlese Leiter der Abteilung Musik und Unterhaltung beim MDR, verantwortete außerdem die künstlerische Leitung der 800-Jahres-Feierlichkeiten der Stadt Dresden sowie von Kreuz­kir­che, Kreuzchor und Kreuzschule. Aufgaben, die er mit Begeis­terung bewältigte, sein Herz gehört aber vor allem seinem Baby, dem Dixieland-Festival. Passend zum Jubiläum ist im letzten Herbst die ganz persönliche Rückschau „Mein Dixieland Tage­buch: Über Chaos, Verzweiflung und Liebe“ erschienen, ein Buch, gespickt mit zahlreichen Anekdoten aus einem halben Jahr­hun­dert Fes­ti­valgeschichte. Kein Zweifel, der Intendant hat viel zu erzählen. Das wurde auch beim Gespräch im Café Palastecke im Kul­turpalast deutlich, seit jeher zentrale Spiel­stätte des Fes­ti­vals. Und wenn die Erinnerung doch mal trügt, hilft Ehe­frau Carmen gern mit den passenden Stich­wörtern aus, weilt sie doch nicht nur beim Interview stets an seiner Seite. Als Teil der Dixieland-Zwillinge „Claudia & Carmen“ gehört Car­men Schle­se auch musikalisch zum festen Bestand des Festival-Programms.

Die „Saspower Dixieland Stompers” vor tausenden begeisterten Fans bei der Dixieland-Parade in der Dresdner Altstadt / Foto: © Hendrik Meyer

Herr Schlese, herzlichen Glückwunsch zum Doppel­geburtstag. Inwieweit wird sich das Jubiläum im Programm des diesjährigen Dixieland-Festivals widerspiegeln?
Joachim Schlese: Wir haben ja inzwischen einige Erfahrungen mit großen Jubiläen gesammelt. Ich denke etwa gern an die Premiere der Gospel-Vesper zurück, damals mit den „drei großen B des traditionellen Jazz”: Acker Bilk, Chris Barber und Kenny Ball. Da war der Teufel los in der Kirche. Aber eines der wohl interessantesten Jubiläen war das Highlight zum 45. Festival 2015, als wir uns erstmals in der Dresdner Semperoper präsentieren durften. Und als die ersten Töne im festlichen Opernhaus ertönten, fühlte ich einen Hauch der weltberühmten Carnegie Hall in New York.

Riverboat-Shuffle-Sonderfahrt ab Terrassenufer in Richtung Pillnitz / Foto: © Hendrik Meyer

Nun kann ich im Mai erneut Interpreten aus nah und fern begrüßen, die dazu beitragen werden, dass sich unsere Stadt für acht Tage in eine Metropole des Oldtime Jazz verwandeln wird. In den bisherigen 50 Jahren des Internationalen Dixieland Festivals gaben in Dresden mehr als 1.300 Bands und Solisten mit über 11.650 Jazzern aus 46 Ländern von fünf Kontinenten ihre musikalische Visitenkarte ab. Das in der Regel einwöchige Festival zieht jährlich über 300.000 Zu­schauer in seinen Bann. Und die Fans kommen nicht nur aus Sachsen, sondern aus der ganzen Republik und dem benachbarten Ausland und beleben damit den Tourismus in unserem schönen Dresden nicht unerheblich. Es ist uns gelungen, über fünf Jahrzehnte lang ein über die Grenzen Europas hinaus beachtetes internationales Musik­ereignis in Dresden zu etablieren: Ob bei der Straßen­parade durch unsere malerische Alt­stadt, auf Straßen, Plätzen, in Kon­zertsälen oder auf der Elbe, die während des Festivals zum Mississippi wird.

Open-Air-Gala in der Freilichtbühne „Junge Garde” im Großen Garten / Foto: © Hendrik Meyer

Da werden sicher auch viele Musiker zum Gratulieren vorbeikommen?
Davon können wir ausgehen. In 50 Jahren Festivalgeschichte haben sich natürlich auch Freundschaften entwickelt, was uns in die glückliche Lage versetzt, dass wir Künstler auch weit unter ihrer normalen Gage buchen können. Ich freue mich vor allem auf Banjo-Queen Cynthia Sayer aus den USA und auf Olivier Franc aus Frankreich. Er gilt als der internationale Nachfolger der Jazzlegende Sidney Bechet aus New Or­leans und spielt auf dem mehr als 100.000 Euro teuren Ori­ginal-Sopransaxophon seines großen Vorbilds. Weiterhin freue ich mich natürlich auf die Swing-Königin Gunhild Carling aus Schweden und auf Alice in Dixieland aus den Nieder­landen, um nur einige zu nennen.

Mit welchen Gedanken schauen Sie heute auf die erste Ausgabe im Jahr 1971 zurück?
Wir hatten von Anfang an zu kämpfen. Zu DDR-Zeiten hatten wir eher einen Außenseiter-Status. Mit Jazz als Genius amerikanischer Musik konnte man im Sozialismus offiziell nichts anfangen. Trotzdem haben wir uns durchgesetzt. Beim ersten Konzert im Kulturpalast kamen 800 Be­su­cher. Das waren jetzt auch nicht so viele Zuschauer, dass man eine Fortsetzung automatisch voraussetzen konnte. Aber das Publikum war so frenetisch, dass wir unbedingt weitermachen wollten, auch wenn wir in den Folgejahren so manche absurde Vorgaben erfüllen mussten. Zum Beispiel sollten ost- und westdeutsche Musiker sowohl im Hotel als auch auf der Bühne streng getrennt untergebracht werden. Eine weitere Zäsur war dann die Wende. Wir mussten uns erstmals auf die Suche nach Sponsoren begeben, um den Fortbestand des Festivals zu sichern. So etwas kannten wir bis dahin gar nicht. Die Rettung war dann die Gründung des Vereins der Sächsi­schen Festival Vereinigung, der bis heute als Träger des Festivals fungiert.

Blues, Boogie & Swing im Flughafen Dresden International / Foto: © Hendrik Meyer

Worin sehen Sie das Erfolgsrezept für das Festival?
Jazzmusikalische Vielfalt, Abwechslungs­reich­tum bei den Spielstätten und mannigfaltige Veran­stal­tungs­breite sind wichtige Attribute beim Festival. Immer haben wir auf dessen Identität und Profil, auf eigenes Repertoire und Gemeinsamkeit geachtet. Wichtig ist immer daran zu denken, dass wir ein Generationen übergreifendes Festival für die ganze Familie konzipieren. Bei der großen Parade jubeln Kinder, Eltern und Großeltern am Streckenrand mit. Und mit dem Format „Dixieland in Familie“ im Zoo gibt es seit Jahren einen Festival-Standard, der sich direkt an die ganze Familie richtet. Ganz besonders wichtig ist mir auch das „Dixieland-ABC für Kinder“, bei dem wir die Kinder spielend an die Musik heranführen. Die Stimmung, die bei der Veranstaltung aufkommt, ist jedes Mal wieder herzerwärmend. Zudem denke ich, dass wir einer Musik eine Plattform bieten, die jeder sofort nachvollziehen kann. Man muss kein Jazz-Vordiplom besitzen, um Dixie­land zu verstehen. Schließlich ist das Festival in seiner heutigen Form nur in Dresden denkbar.

Musikalisch hat sich das Festival über die Jahre auch neuen Spielarten gegenüber geöffnet?
Wir hatten mit dem Festival natürlich auch die eine oder andere schwierige Phase zu überstehen. Da war es wichtig, dass wir uns auch immer offen für neue Impulse ge­zeigt haben. Das konnten neue Veranstaltungsformate, aber auch neue Genres sein. Als wir bei der 22. Ausgabe das erste Mal einen Gospelchor in der Kreuzkirche ins Programm integrierten, war das ein wichtiger Moment in der Festival­ge­schichte. 4.500 Zuschauer waren begeistert. Seit gut zehn Jahren finden auch Blues-, Boogie- und Swing-Bands beim Dixieland-Festival ein Publikum, was wirklich eine Bereicherung im Pro­gramm ist. Aber es funktionieren auch nicht alle Experimente. Als ich in New Orleans war, habe ich mich mit dem Cajun-Fieber angesteckt, jene Volksmusik aus dem französischen Teil Louisianas. Wir haben das dann beim Dixieland-Festival probiert, doch die Besucher haben keinen Zugang dazu gefunden. Dann muss man auch ehrlich sein und zugeben, dass das Experiment nicht aufgegangen ist.

Vielen Dank für das Gespräch. Wir wünschen Ihnen viel Erfolg im Jubiläumsjahrgang!

INTERNATIONALES DIXIELAND FESTIVAL vom 17.-24. Mai 2020
Programm etc. unter www.dixielandfestival-dresden.com

Interview: Philipp Demankowski

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