Zwischen Konvention und Ekstase

„Nora” von Henrik Ibsen / Foto: © Sebastian Hoppe Fotografie
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Das Staatsschauspiel Dresden zeigt mit Ibsens „Nora“ und Lehmanns „Feierabend Forever“ zwei Stücke, die gesellschaftliche Fragen und Lebensentwürfe auf die Bühne bringen.

Mit „Nora“ von Henrik Ibsen und „Feierabend Forever“ von Christiane Lehmann präsentiert das Staatsschauspiel Dresden zwei Inszenierungen, die auf den ersten Blick unterschiedlicher kaum sein könnten. Während Ibsens Klassiker die bürgerliche Ehe und ihre Fallstricke seziert, entführt Leh­manns Produktion in eine märchenhafte Welt, in der die Dresd­ner Feierkultur zwischen DDR-Vergangenheit und Gegen­­wart erforscht wird. Beide Stücke stellen zentrale Fragen: Wie viel Freiheit erlaubt die Gesellschaft dem Ein­zelnen? Und wie be­einflussen politische und wirtschaftliche Systeme unser Leben – sei es im privaten Raum der Fa­milie oder im öffentlichen Raum der Nacht?

Nora: Preis der Freiheit und Grenzen der Ehe

Henrik Ibsens „Nora“ entfaltet im Schauspielhaus Dresden unter der Regie von Tom Kühnel eine eindringliche Analyse der bürgerlichen Ehe. Nora Helmer, gefangen in gesellschaftlichen Konventionen und familiären Erwartungen, wagt einen Schritt, der alles verändert: Sie nimmt heimlich einen Kredit auf, um das Leben ihres Mannes Torvald zu retten – eine Tat, die juristisch fragwürdig und gesellschaftlich skandalös ist. Die daraus entstehende Spirale aus Erpressung, Schuld und Enthüllung zwingt Nora, ihre Rolle als Ehefrau und Mutter zu hinterfragen. Torvald, der sie stets wie ein „Eichkätzchen“ oder „Singlerche“ behandelt, offenbart im Moment der Krise, dass ihm Ehre und Status wichtiger sind als Noras Wohl. Die Ins­zenierung zeigt, wie Nora am Ende den Mut findet, das Pup­pen­heim zu verlassen und sich gegen die vorgegebenen Rollenerwartungen zu stellen. Mit der berühmten Frage „Ich muss herauskriegen, wer Recht hat, die Gesellschaft oder ich“ wird der Zuschauer direkt in die Auseinandersetzung um Selbstbestimmung und gesellschaftliche Moral hineingezogen.
Premiere am 11.04.2026, 19:30 Uhr, Schauspielhaus

„Feierabend Forever”, auf dem Bild: Martin Weser, Sandra Schöne / © Sebastian Hoppe Fotografie
Feierabend Forever: Märchenhafte Kapitalismuskritik und Dresdner Nachtleben

Mit „Feierabend Forever“ bringt Christiane Lehmann eine moderne Märchenadaption auf die Bühne, die den Kapitalis­mus mit feiernden Dresdnerinnen ins Visier nimmt. Inspiriert von Grimms „Die zertanzten Schuhe“ wird die Geschichte des Königs, dessen Kinder nachts heimlich tanzen und am Tag müde sind, in die Gegenwart übertragen. Die Inszenierung fragt, warum Menschen Ausgelassenheit und Ekstase suchen, wie politische Systeme das Feiern beeinflussen und welche Rolle Arbeit, Zeit und Gesundheit dabei spielen. Acht Dresdner Bürgerinnen, geprägt von unterschiedlichen Feierkulturen, werden zu „sisters and brothers in crime“, die die Lust an der Nacht und die List gegen kapitalistische Heilsversprechen verkörpern. Ob als DJ mit Mitte 40, als Partymaus oder als Spät­berufene auf der Bar – die Inszenierung zeigt, wie vielfältig und subversiv die Feierkultur sein kann und wie sie als Gegen­entwurf zur Leistungsgesellschaft funktioniert.
Uraufführung am 30.04.2026, 20:00 Uhr, Kleines Haus 3

Werte und Lebensentwürfe

„Nora“ und „Feierabend Forever“ zeigen auf, wie kraftvoll Theater gesellschaftliche Fragen ins Zentrum rücken kann. Ob es um die Emanzipation einer Frau aus den Fesseln der Ehe oder um die Suche nach Freiheit und Ge­meinschaft im Schatten des Kapitalismus geht – beide Ins­ze­nierungen laden dazu ein, eigene Werte und Lebensentwürfe zu hinterfragen. Das Theater wird so zum Ort, an dem nicht nur Geschichten erzählt, sondern auch Denkanstöße gegeben werden. Es inspiriert, provoziert und öffnet Räume für neue Perspektiven.

Informationen, Spielplan und Tickets:
www.staatsschauspiel-dresden.de

Redaktion: Jörg Fehlisch

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